So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.
Jesaja 43,1

WORT AN DIE GEMEINDE

Liebe Gemeinde,
bei einem der vielen Gespräche eines Rüstzeitabends erzählte mir vor einiger Zeit ein junger Mann folgende Begebenheit: Es war ein Sommertag in meiner Kindheit. Wir spielten auf einer Streuobstwiese. Irgendwann landete unser Ball im Baum. Einer muss hinaufklettern. Peter war kräftig, er muss sich unten am Stamm hinknien. Meine Sandalen rollen sich von ihm ab, finden Halt auf einem Ast. Schnell und leicht geht es hinauf. Der Blick ins Himmelsblau bietet eine unendliche Auswahl neuer Klettermöglichkeiten. Die anderen Kinder stehen unten, mit zurückgelegten Köpfen und zusammengekniffenen Augen. Ich erreiche den Ball, gebe ihm einen Stoß und er fällt wieder auf die Wiese. Die Kinder jubeln, verschwinden zurück in ihr Spiel.
Ich bleibe oben im Baum. Nicht ganz freiwillig. Die Freude über den Klettererfolg verfliegt mit dem schwindelnden Blick nach unten. Die Tiefe hat eine spürbar andere Wirkung als das Himmelsblau. Wie bin ich da nur hinaufgekommen? Ich versuche, den Griff am Stamm zu lockern, schiebe einen Fuß nach unten. Kein Halt. Zu weit. Zu tief. Alles an mir zittert.
Peter ist der Einzige, der nach mir Ausschau hält. Entschlossen läuft er ins Dorf. Mein Onkel kommt angerannt in seinen weiten Schlaghosen, sieht mich, lacht und klettert zu mir hinauf. Ruft meinen Namen. Sagt: Hab keine Angst, ich bin da. Er hält meinen Fuß fest, so lange, bis der weiter unten Halt findet.
Auf halber Höhe springt mein Onkel vom Baum. Ich nicht. Er breitet die Arme aus und sagt: Komm, lass dich fallen, ich fange dich. Irgendwann ließ ich mich fallen. Und er fing mich.
Es war der Onkel, der mich schon zur Taufe als Pate übers Wasser gehalten hatte. Es war der Onkel, der mich zeitlebens auf Bäume hinauftrieb. Und mir den Glauben und das Vertrauen an Gott ins Herz schrieb. Ins Astwerk und in die Verflechtungen unserer Lebensgeschichten hinein ruft uns einer zu: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.
Ihr Pfarrer Thomas Haenchen

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